Broadcast – Broadcast and the Focus Group investigate Witch Cults of the Radio Age

Kategorisierung vereinfacht Gedächtnis und Wahrnehmung von Musik, weil das Gedächtnis nur in sehr geringem Umfang fotografisch funktioniert. Broadcast gehörte für mich immer in die Kategorien Neo-Psychedelic und Folk. Spätestens beim Wiederhören von United States of America und Curved Air fiel auf, dass die kategorisierende Erinnerung Streiche spielt. Broadcast war gar nicht so nah an den Originalen, wie meine Erinnerung es zusammen bastelte. Vielmehr hatten sie offensichtlich wichtige Charakteristika der Psychedelic jener Tage heraus destilliert, verstärkt und in doch meist poporientiertere Songkompositionen gegossen.

Broadcast jonglieren zwar wie kaum eine andere Band mit den klanglichen Attributen einer Retroband, doch sie bauen eigentlich das auf, was Erinnerung für Psychedelic-Retro hält. Ist das Retro-Futurismus? Auf jeden Fall entwicklen sie weiter, was seit 1974 verdörrte.

Broadcasts Debutalbum „The Noise Made by People“ und die ihr Frühwerk zusammenfassende Compilation „Work and Non Work“ sind auch heute noch Perlen der Erweckung und Wiederentdeckung von Reflektion über Psychedelisches. Und zwar immer nah am Song, an bekannten Strukturen. Es ist also durchaus nicht abwegig Broadcast für ihr Frühwerk eine gewissen Popwirkung zu attestieren. Und zwar zu jederzeit auf einem respektablerem Niveau als solche Boutiquen-Gefälligkeiten wie Stereolab.

Auf „Broadcast and the Focus Group investigate Witch Cults of the Radio Age“ ist nun vieles anders. Hinter dem Namen „The Focus Group“ versteckt sich Julian House, Gründer des Ghost Box-Labels, welches seit 2004 Ambient und Soundcollagen im Katalog hat. So lang der amüsante Titel des neuen Albums, welches übrigens in den Ankündigungen immer wieder als Mini-Album bezeichnet wird, und zwar bei einer Laufzeit von über 48 Minuten, so fern sind Broadcast inzwischen von Songstruktur. Lichtjahre. Wir fliegen mit Trish Keenan, James Cargill und Tim Felton auf einem langen versponnenen Trip in das Land der analog-synthetischen Verschleierung und Verklärung von Ursprünglichkeit. Drogenmetaphorik ist unausweichlich und allgegenwärtig. Das klingt etwas abgedroschen. Doch das soundscapeartige Wunderland ist tatsächlich recht gelungen.

Wer allerdings ein Anknüpfen an die Arbeiten früher Tage erwartet, wird enttäuscht sein. Auf jeden Fall ist „Broadcast and the Focus Group investigate Witch Cults of the Radio Age“ in seiner Konsequenz gelungener als seine Vorgänger „HaHa Sound“ und „Tender Buttons“.
„Broadcast and the Focus Group investigate Witch Cults of the Radio Age“ ist bei Warp erschienen.

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