Kreidler – Mosaik 2014

Erfahrung zeigt, dass die Ideenwelten vergangener Zukunftsvisionen, je älter sie werden, zu etwas immer karikaturhafter und fabulöser Werdenden schrumpfen. Kreidler wissen das. “Mosaik 2014” ist ein Vorgeschmack auf das Ende der Postmoderne. Wenn in gemessener Retrospektion und mit bewährten Methoden neue Sichtweisen entstehen, die kleine Luken in Richtung Zukunft öffnen, dann ist es um die Weiterentwicklung elektronischer Standpunkte am Ende der ersten Zweier-Dekade wahrlich nicht schlecht bestellt.
Die Aktualität transparenter und im Detail sehr variantenreicher One-Pattern-Tracks wird mit einer Auswahl feiner Klänge, die jederzeit auf bekannte Vorbilder elektronischer Musik verweisen, variiert und konterkariert. “Mosaik 2014” ist ein gelungenes Album, weil es, obwohl auf Pioniere und Klassiker deutscher Elektronik und Avantgarde der 1970er Jahre verweisend, sich nie in der Repetitionsfalle verfängt. Sich auf Rückwärtiges beziehen und dabei scheinbar wie aus dem Handgelenk geschüttelt Neues schaffen ist tatsächlich das kreidlersche Verdienst.
Betrachtet man die feinen Arrangements und Motive, so ist festzustellen, dass Thomas Klein, Andreas Reihse und Detlef Weinrich beim Entlehnen und Zitieren nie in Klischees verfallen, weder in der Klangauswahl noch im Aufbau der Stücke. Die Motivik der Synthesizerfiguren bleibt immer zurückhaltend, sparsam, oft sogar fast einsilbig und somit absolut abstrakt. Mosaik steht hier natürlich auch für die Nichtgegenständlichkeit der Kompositionen. Jedes Steinchen sitzt exakt auf dem ihm zugewiesenen Platz in dem geschmackvollen Gefüge einer immer treibenden Rhythmik, die die Einfältigkeit des Treibenden bei z.B. Klaus Dingers Neu mühelos überwindet und sich hier und da sogar mit Erfolg an afrikanisch anmutende Layer wagt.
Nie entstehen aus den tonalen Figuren Bögen, die unter dem Verdacht stehen sich zu Melodien zu entwickeln. Ein Grund, warum die Stücke allesamt von A-Z exakt funktionieren. Kreidler schaffen es auch in dieser Hinsicht, die zu konkrete Darstellung größerer und gröberer Abläufe in ihren Stücken zu umschiffen.
Der Titelbegriff Mosaik ist insofern wirklich gut gewählt, als er vordergründig sehr fern aller Moden auf alte Darstellungskonzepte verweist, und andererseits wunderbar als Symbol für Strukturen und Arbeitsweisen elektronischen Stile funktionert. Ein Album, von dem noch zu sprechen sein wird.
“Mosaik 2014” ist bei ist bei Italic erschienen.

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