Jim O'Rourke – The Visitor

Die Sonic Youth-Tage sind vorbei. Auch die letzten musikalischen Treffen mit Tweedy und Kotche für das Projekt “Loose Fur” liegen einige Jahre zurück. Obwohl Kotche auf “The Visitor” wieder einmal beweist, wie wichtig gute Drummer heutzutage sind und Freundschaften innerhalb der Szene sowieso. Diesmal wirbt O’Rourke aber endlich wieder mit seinem eigenen Namen. Acht Jahre ist sein letztes Album nun her. Eine lange Zeit. Aber O’Rourke war ja nicht untätig. Sinustöne und Avantgarde-Gehoppel mit Kracheskapaden durften sich einige Auserwählte auf Kunstevents in den Ausstellungskatalog kleben.
Nun lässt O’Rourke dankbarerweise einen Song raus. Der wuselt sich durch abwechslungsreiche 38 Minuten. Den Anfang macht die obligatorische John Fahey-Pickingübung, sowie ein beherztes Piano untermalt von Waldhörnern. Schön. Atemberaubend wie Kotche sich dazwischen drängt und den Postrock ohne Absender nach Hause schickt. Die Pianotupfer fangen an zu perlen und alles braust kurz auf, um im nächsten Moment wieder in Stille zu verweilen. Die Akkustikgitarre beginnt von vorn. Die Streicher lümmeln, wie bei Peter und der Wolf, auf der Gänseblümchenwiese. Alles bekommt eine eigene Stimme, einen Namen, fast ein Gesicht. Doch auch Fratzen schauen vorbei und zeigen all der Schönheit ihre Auffassung von Intoleranz.
Insgesamt flimmert “The Visitor” wohlig warm durch die Boxen. Burt Bacharach wischt sich den Sabber aus dem Gesicht. Auch Van Dyke Parks verschluckt sich an seinem Blasen&Nieren-Tee. “Schon gut dieser Jim.” Aber das wussten wir doch. Aufgepasst, gleich wird die Idylle mit Avantgarde-Handschuhen angefasst. Vorsicht, auch die elektrische Gitarre hüstelt uns eine Scheinschwangerschaft vor. Trügerisch das Ganze. Nicht hinter jeder Biegung wartet eine Lichtung.
Ganz neu ist das natürlich nicht. Auch seine alten Arbeiten “Halfway To A Threeway” und “Bad Timing” malten schon Romantizismen mit kurzen Freakaussetzern auf die Leinwand der Gezeiten. Sogar die alte Discokugel findet auf dem neuen Cover wieder seinen Platz. Auf “Bad Timing” war sie noch gemalt. Nun zwar leicht zertrümmert, doch sie blinkt und strahlt immer noch. Man muss nur das Licht richtig setzen.
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Bleibt nur zu hoffen, dass O’Rourke mal wieder ein richtiges Songalbum rausbringt, seine Stimme wieder findet und diese dann unverblümt ins Mikro haucht. Würde ihm gut stehen.
“The Visitor” bleibt nicht nur zu Besuch, sondern wohnt schon. Für alle Zeit…
Erschienen bei Drag City

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