Air – Love 2

Der Einfluss von Techno, überhaupt elektronischer Musik auf den Popsong war seit Anfang der 1990er sehr groß. Das Erzählerische in ihm trat zurück, das Symbolische wurde dafür um so mehr focussiert (siehe Big Beat, Fat Boy Slim, Daft Punk etc., vielleicht auch ein Grund, warum seitdem das Model Singer/Songwriter als Gegenkonzept so populär geworden ist). Den Alben von Air sollte man jedenfalls gerade insofern mit Bedacht zuhören, denn sie haben wie niemand sonst zu dieser Entwicklung von Pop immer etwas zu erwidern gehabt, und zwar jenseits von allen vordergründigen retrospektiven Aspekten ihrer Kompositionen.
Alles an den erwartungsgemäß wieder wohlfeilen Arrangements auf „Love 2“ ist noch geschliffener, noch versponnener, noch verträumter und verhuschter. Noch mehr easy Differenziertheit geht eigentlich kaum, wenn man nicht in einer hollywoodschen Kopie von Hawaiianischer Abendsonne ertrinken will. Durch ihre blutdrucksenkende Downtempo-Verspieltheiten mit dem charakteristischen Schlafzimmergesang neben den typischen Instrumentals erwecken Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin erfolgreich den Eindruck, als seien sie immer schon raus gewesen aus dem Pop-Kontext, als wollten sie mit nichts mehr zu tun haben, was sie an Tempoerhöhung und andere Häßlichkeiten erinnert. Doch das stimmt natürlich nicht.
Denn der Trick liegt ja darin Popsongs zu schreiben, die mit einem großen Etikett versehen sind, auf dem steht: Vorsicht, wir sind retro! Wir sind irgend etwas anderes, was mit alten Soundtracks und James Last zu tun hat, wir sind jedenfalls nicht echt, weil wir viel zu langsam sind für Disco und manchmal sogar instrumental. Tatsächlich sind Air sehr wohl Pop. Und sie sind sehr modern.
Das hat sich eigentlich schon mit „10.000 Hertz Legend“ angedeutet, einem Album, mit dem Air auch in großen Lettern unterschrieben, dass der Popsong der alten Schule ein Auslaufmodell ist ( sorry, Paddy McAloon ), jedoch gingen sie einen anderen Weg, als die allgemeine Elektrifizierung vorgab. Nicht das Ostinate und die Verstärkung des Klangaspektes wurden von ihnen untersucht, sondern die Fortführung des klassischen Geschichten-Erzählens, um den Preis diese am Ende ins Nichts fallen lassen.
Die einzelnen Elemente der Geschichten waren durch nichts und keinen Archäologen je zu rekonstruieren. Alles blieb unerklärlich und somit auch unantastbar. Die Übersteigerung von Song-Dramaturgie bis ins Absurde durch stete Erwartungsbrechung mit zwar grundsätzlich bekannten Elementen war sehr wegweisend. Jedes Element wurde immer akkurat zur vermeintlich falschen Zeit gesetzt. Alles kommt einem jedes Mal sehr bekannt vor, aber man findet sich nirgends zurecht. Sehr zeitgemäß. Was ist Erinnerung? Was ist linear? Was war Prä-, Was wird Post-?
Mal ist es das Songwriting, das Air gerade verhandeln wie auf „10.000 Hertz Legend“. Auf „Love 2“ ist es nun, ähnlicher ihrem Erstling von 1998 „Moon Safari“, die Stilistik, in der sie sich verlieren. Immer geht es ihnen darum Bekanntes als Klischee zu zitieren, brechen und zu mythisieren. Was ihnen mal wieder gut gelungen ist. Sehr ausgeschlafenes Kopfkissenalbum.
Love 2 ist am 2.10.2009  bei EMI erschienen.

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