Klassiker: Suicide – (First Album)

Es gab ihn, diesen singulären Moment, in dem Rock n’ Roll und Elektro aufeinander prallten und unter hoher Temperatur zu etwas völlig neuem hypnotischem synthetisierten. Irgendwann im Jahre 1977 glitten zwei junge Männer in New York weitgehend unbewusst und in fragiler Perfektion auf einer selbst entdeckten Elektro-Trash-Rock-Welle, die atemberaubend war und amorph, wie aus dampfendem Eis. Sie war tiefgründiger, als sie auf den ersten Blick erschien und verschwand ebenso schnell wie sie gekommen war.
Stattdessen darf man ihre nachhaltige, doch leider allzu selten benannte Wirkung, in einigen darauf folgenden Kapiteln der Musikgeschichte nachschlagen, und zwar z.B. unter New Wave, Synth-Pop, Neo-Psychedelic, Techno und Techno-Pop.
Doch zurück nach New York. Keyboarder Martin Rev und Sänger Alan Vega waren zwei streunende Hunde in der Lower East Side. Sie kannten sich dort aus, in den Gossen, mit den Drogen und dem amerikanischen Traum. Davon wollten sie berichten. Also panzerten sie sich mit Lederjacken und verspiegelten Sonnenbrillen. Sie nannten sich Suicide, gingen auf die Bühne und fanden dort den Platz für Provokationen. Denn in der Provokation des Publikums lag für sie der Schlüssel zur Vermittlung von Unterhaltung und Sozialkritik. Die Dekonstruktion des amerikanischen Traums, die Darstellung und Demaskierung des allgegenwärtigen Scheins bedeutete für Suicide immer, diese Dauer-Farce musikalisch unter allen nur erdenklichen Schmerzen und mit höchster Grazie in die Gesichter des Auditoriums zu schleudern.
Legendär sind heute ihre Auftritte im ebenso sagenumwobenen CBGBs, bei denen es passieren konnte, dass Alan Vega seine Gesangsline bei „Rocket USA“ abrupt abbrach und ohne das Publikum zu beachten die Bühne verlies, um auf dem clubeigenen Münzfernsprecher einfach mal aus Scheiß seine Freundin anzurufen. Der tapfere Martin Rev sah sich derweil prekär hinter seinen Keyboards eingeklemmt, bei dem Versuch das Konzert zu retten und wurde dafür vom wütenden Publikum mit Bierdosen beworfen.
Doch nicht nur Suicides performatives Konzept war innovativ, ihr musikalisches war es ebenfalls. Minimale Motive wurden mit dem Sound einer verzerrten Farfisa-Orgel zu etwas Gespenstischem, dass ebenso sehr menschlich wie unmenschlich war, eingedampft. Auf dem simplen Gitter, geflochten von einer Rhythmusmaschine, die fast nur Open-HiHat-Teppiche abspulte, entstanden magisch pulsierende, manchmal entrückt groovende, One-Pattern-Instrumentierungen. Diese wiederum waren die dankbare Plattform für Alan Vega, einen Sänger, der seinen Elvis gelernt hatte und diesen unter massivem Einsatz greller Effekte als Schauspieler-Poet-Role-Model dem Publikum vor die Füße warf.
Die Geschichte des Scheiterns einfacher Lebensmodelle und bescheidener Träume wird hier zum großen glamourösen Drama. Die aufzehrenden Klagen waren ebenso in den Schreien Alan Vegas wie in den Pausen dazwischen zu finden. „Frankie Teardrop“, die exemplarische Geschichte dessen was heutzutage Boulevard-Medien euphemistisch Familientragödie nennen, diese synthetische Moritat von der Entmenschlichung wird Amerika, so scheint es, wohl auch im 21. Jahrhundert nicht so schnell hinter sich lassen können.
Das erste Album von Suicide ist 1977 bei Red Star erschienen.

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