Jochen Distelmeyer – Heavy

Distelmeyer lässt die Kirche im Dorf. Warum sollte er auch buddeln? Am Anfang fällt der Regen auf die Welt und hält den Atem an. Und noch ein Gedicht … ! Distelmeyers Stimme ist zurück. Seine Gesangslinien und genuschelten Endungen sind nach wie vor wunderbar. Mit viel Eleganz und stoischem Weitblick ist er sich treu geblieben.

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Wer gedacht hat jetzt würde er nur noch Bob-Dylan-Phrasen und Prefab-Sprout-Huldigungen vom Hamburger Berg rufen und seine Wurzeln, die des Rock, ausblenden, hat sich getäuscht. “Wohin mit dem Hass” zeigt uns alte Besserwisserei. Womöglich hat uns Oberlehrern das zwei Jahre lang gefehlt.
“Alles was ihr wisst ich bin nicht wie ihr und so wird es immer sein.”
Neue Akkordfolgen sind nicht nötig. Die alten werden uns erneut vehement um die Ohren gedroschen. Da kommt er und bleibt er. Wie die Zwiebeln im Kühlschrank. Mühsam hat sich Distelmeyer seine Kirche aufgebaut und viele Gläubige um sich gescharrt. Diese werden wieder bedient, ob neue dazustoßen oder dazugewonnen werden(können) bleibt fraglich. Die Single “Lass uns Liebe sein” spielt wieder charmant mit neuem deutschen Pop und Bergen und Tälern(Schlager). Mmmmmh…
Einsam sein ist keine Kunst, doch der Künstler in uns lässt selten den Tuschekasten offen rumstehen. Austrocknen werden die Farben also lange nicht. Und so helfen uns die Liebesliederschnulzen “Bleiben oder Gehen” und “Nur mit dir”  über viele Enttäuschungen hinweg. Auch das einfache Jenfeld-Mädchen wird an die Hand genommen, egal ob sie es will oder nicht. Schritte reimen sich.
Ein Album über Liebe, Resignation, Wut und Trauer. Wer hatte schon eine Flora&Fauna-Platte erwartet? Oder Minimal-Techno?
“Murmel” lässt am Ende kurzweilig Zufriedenheit sowie Gleichmut aufkommen. Doch bitte, dies ist einfach nur Musik. Popmusik sollte nicht überbewertet werden. Und deutsche schon gar nicht. “Hiob” ist der letzte Aufruf zum Widerstand. Wehrt euch mit oder ohne Jochen als euer Sprachrohr.  An seiner Seite wähnt man ihn doch eh.
“Heavy” ist geglückt, überrascht aber nicht wirklich. “Nur mit dir” erzeugt dennoch Gänsehaut und wird mich dieses Album des öfteren auflegen lassen, doch irgendwann muss man weiter ziehen. Ich suche noch…
Erschienen bei Columbia

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