Jeremy Jay Live – Hamburg, Astra-Stube 28.9.2009

Jeremy sitzt etwas verloren auf einem zu niedrigen Barhocker in der spärlich bestückten Merchandise-Ecke. Der Laden füllt sich langsam. Mit jedem zahlenden Gast erhöht sich die Erwartungshaltung und die Temperatur im Raum. Es wird Zeit das Sakko abzulegen und das Hemd aus der Hose zu zupfen. Die nun beiläufig hereinschneienden Bandkollegen verirren sich noch kurz auf der Damentoilette. Es ist angerichtet.
Die Orange-Verstärker glimmern wunderbar orange auf der kleinen Bühne und rote Scheinwerfer versuchen Gemütlichkeit vorzugaukeln. Die ersten Akkorde aus “In This Lonely Town” weisen uns den Weg aus der roten Puffigkeit. Rockig wird es zugehen. Jeremy, halb David Bowie in der Größenwahnphase mit passendem China-Girl am Beach und Ian Curtis, ohne epileptische Anfälle, erhebt sein Organ.
“We were walking around. The Gang and I Hit the town.” In die Zuschauer kommt Bewegung. Alle 80ziger Referenzen bekommen gespitzte Kajalstifte auf’s Auge gedrückt und das Wort “Reverb” erhält eine ganz neue Relevanz.
Die Band um Jeremy staunt oft genauso wie wir. Jeremy bricht gerne mal Songs ab, da ihm das Tempo nicht schmeckt oder weil der Bassist vergisst eine Bassfigur eigenständig zu Ende zu denken. Der Löwe ist in der Arena angekommen.
Manchmal ist der Hall schon Sacré-Cœur-mäßig, doch Jeremy will einfach mehr. Großkotzig wirkt er, doch wenn jemand in so jungen Jahren seinen Stil und dazugehörigen Sound gefunden hat, soll das bitte verdammt noch mal so klingen. Den andern Scheiß und Rest sollen doch die anderen machen. Jeremy Jay genießt seinen Status als Ausnahmetalent in der verwahrlosten amerikanischen Szene. “Breaking The Ice” und “Where Could We Go Tonight” belegen dies mit kraftvoller und süffisanter Verschleppung.
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Foto von bosch
Das Publikum schwitzt, vergöttert und tanzt. Auch die neuen Songs bergen unendliche Hits. Das nächste Album darf nun kommen. “Slow Dance” wackelt, doch behält die so geliebte Skizzenhaftigkeit des Albums. Auch die Traurigkeit der Songs ist in jedem Moment greifbar.
“You’re an angel from the stars as you play those strings on your noble guitar.”
Der heimliche Hit “Winter Wonder” wird verhunzt, doch Zugaben sind eh überbewertet. Warum sollte man dem Volk noch frisches Futter in die Tröge kippen? Mit halbgefülltem Magen lebt es sich doch am Besten.
Jeremy kann live überzeugen und bietet neue Akzente im zu oft zitierten NewWave-Panoptikum. Am Ende dreht Jeremy den roten Strahler von der Bühne. Stars haben ihre eigene Vorstellung von Wirkung und benötigen dafür selten Licht. Jeremy leuchtet von innen und das nicht zu knapp.
Er wird wieder kommen und ich werde an seinen Lippen kleben und auf seine solierende Gitarre starren. Jay möchte bewundert werden, nicht nur von seiner Band, auch von uns. Hat funktioniert.

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