Control – Natural Selection

Die Sirenen der Endgültigkeit sägen. Sie sägen sich beharrlich zu dir durch, zu den rückwärtigen Seiten deiner Scheitellappen. Masters of Extrem-Durchdringing. Mit einem Bohrkopf, aus einer noch unbekannten Ewigkeitsformel, alles in allem erdmantelresistent gegossen. Steter Tropfen höhlt nicht nur den Stein sondern auch das geneigte Ohr, das sich in einer unbekannten Situation sehr schnell sehr schutzlos fühlen kann.
Soundfräsen bei der Arbeit. Ein Walzenschremmlader im Sondereinsatz/Anthrazit, durchwirkt von einem 20-bändigen Equalizergeflecht, mal spitz gegated, geshutterd, mal dräuend dumpf. Hechelnd, atmend, keuchend, dampfend, alles in die Riesensporangien des ewigen Weltverhängnisses geschmiedet. Ein verzerrter Mulch aus mäandernden, fiependen Dauergeräuschen in Schleifen und ausgeweideten Stimmen wälzt sich weiterhin relativ stetig näher. Noch näher. Unausweichlich.
Nähe ist eine empfindliche Sache. Vor allem, wenn sich das Annähernde von allen Seiten in schillernd verzerrtem Kleide zeigt. Wenn Grenzen der Annäherung überschritten werden, erheben sich schnell Bedrohungsgefühle. Das ist klar. Auf „Natural Selection“ ist es die uneingeschränkte Annäherung von differenzierten sich türmenden und gegenseitig aufschaukelnden Verzerrungsmustern, die begeisternde Beklemmung erzeugt. Der Schauer, des befreienden Universalkontrastres zu fast allen anderen musikalischen Positionen tut wohl in seiner amorphen Energieentladung. Es triumphiert die monokausale Willkür.
Wir befinden uns in einer technischen Versuchsabteilung. Und wir sind freiwillig hier. Denn wir möchten nicht nur neues über die aktuellen Strömungen fortgeschrittener Verzerrungstechniken- und Ästhetiken jenseits des Ansatzes von Mouse on Mars erfahren, sondern wir wollen natürlich auch mehr über uns selbst erfahren. Dazu sind Testlabore ja schließlich da. Schnell erkennen wir, was offensichtlich immer noch gut funktioniert. Nämlich die Kombinationen von Verzerrung mit Tremolo- und Vibratoeffekten zum Zwecke der rhythmischen Feinstruktur. Davon wussten Ende der 1970er schon die Laboranten Throbbing Gristle zu berichten. Außerdem lernen wir alles über die Bedeutungslosigkeit von Drums und ähnlichen, durch das grobe Zeitklangraster fallenden, perkussiven Unwichtigkeiten.
Verzerrung ist der eine zentrale Aspekt, die Ausdehnung der Dauer von tonalen und atonalen Klangereignissen der andere. Und endlich ermessen wir die Grenzen des Testlaborraumes: Die Beklemmungserzeugungsmaschine führt mit ihren Zangen Dauer und Masse einen äußerst effektiven Zwei-Fronten-Krieg um unsere Ohren. Wenn sie ihn gewonnen haben wird, werden wir sie nur noch Energieerzeugungsmaschine nennen, in anerkennender Ehrfurcht.
„Natural Selection“ ist bei Eibon Records erschienen.

0 Gedanken zu „Control – Natural Selection“

  1. Habe gerade festgestellt, dass mir bei diesem Artikel ein grober Fehler unterlaufen ist. Die”Natural Selection” von Control ist mitnichten, wie ich annahm, eine relativ neue Erscheinung. Die Scheibe ist tatsächlich schon 2003 bei Elbon erschienen. Sorry, habe ich schlampig, äh gar nicht recherchiert. Um es noch einmal klar zu stellen: in der Rubrik Rezensionen soll es auf Jahrgangsgeräusche weiterhin ausschließlich um Neuerscheinungen auf dem Tonträgermarkt gehen, zumindest in dem Sinne, das das jeweilige Album oder die jeweilige Single/EP im laufenden Kalenderjahr veröffentlicht worden ist.

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