Klassiker: Firehose – "Ragin’, Full-On"

Der Wind hatte ihnen ein Lied erzählt, vom Leben in Amerika, und von dessen Vergänglichkeit. Und wie es geht, erwachsene Spielfreude, virtuos dargeboten, in die Form eines einfachen aber individualistischen Trios zu gießen ohne je in jazziges Muckertum abzugleiten. Und wie es funktionieren kann, leidenschaftlichen Ausdruck zu formulieren, und Gefühl ohne Kitsch. Und wie man es macht, sich nicht in panamerikanischer Massenkultur zu verlieren, und über all dem bescheiden zu bleiben und misstrauisch. Denn das Leben geht weiter, in Amerika. Und das ist schon sauer genug.
Nach D. Boons Tod im Alter von 27 Jahren war das Schicksal der legendären Band Minutemen besiegelt. Bassist Mike Watt und Drummer Mike Hurley hatten ihren Sänger und Gitarristen verloren. Sie wollten eigentlich nicht mehr, jedenfalls keine Musik. Doch nach kurzer intensiver Erstarrung wurden sie von einem jungen Mann überredet. Zusammen mit dem damals 22-jährigen Studenten und Minutemen-Fan Ed Crawford gründeten sie eine neue Band, und die hieß Firehose. Raus aus den Weiden, raus aus Ohio, rein in die Städte der Welt.
Insgesamt sechs Alben veröffentlichte Firehose zwischen 1986 und 1994, die ersten drei bei SST. „Ragin’, Full-On“ war ihr Debut. Sogleich zeigte sich, dass Firehose einen deutlichen Bruch mit dem Stil von Minutemen bedeutete. Ed Crawford hatte viel mehr Tonalität und Sicherheit in seiner Singstimme als D. Boon. Das Songwriting verließ ohne Tränen die Sphären des Punk und veränderte sich derart, dass die Arrangements der meist nur 1,5-3minütigen Werke geradezu unberechenbar wurden, worin ein ganz neuer Reiz bestand. Steigerung der Intensität durch Komprimierung auf das Wesentliche.
So wurde aus einem Neuanfang sogleich ein musikalisches Aufbegehren, dass sich ebenso furios wie zärtlich, ja desillusioniert, seine Bahnen in Gitarre, Bass und Schlagzeug brach. Immer sehr konzentriert aber trotzdem so, dass es jederzeit spontan wirkte. Das lag einerseits an ihrer feinen Kunst der Instrumentenbeherrschung, andererseits auch an ihrem unkonventionellen Songwriting, dass auf Wiederholung und die üblichen ABC-Schemen bestenfalls untergeordneten Wert legte.

Mike Hurley ließ seine lange Mähne wie ein Hubschrauber durch ebenfalls artistisch wirbelde Drumsticks rotieren. Mike Watt brachte immer alles exakt aber unspektakulär auf den Punkt. Er bediente mit seinem Slap-Bass den Start/Stop-Knopf, ließ mal Funk, mal Folk, stellenweise sogar Jazz einfließen, wie ein souveräner Schiedsrichter/Dirigent, den man erst nach Spielende angemessen würdigt. Darauf setzte Ed Crawford schneidende Staccato-Gitarren und eine sanft brennende Stimme. Ausdruck zärtlicher Leidenschaft des unbeugsamen Widerstands vor dem Hintergrund tiefgreifender Erfahrungen. Ein Aufbegehren wurde Schlagkraft und Sanftheit zugleich und auch im Wechsel, wahlweise alternierend, wegen des Paradigmas der Unberechenbarkeit. Damit es nie wieder langweilig wurde, never ever. Je nachdem, in welche Richtung Melodien und Gefühle drängten. Ein Aufbegehren wurde rhythmischer Ausbruch und Melodie. So feinfühlig kontrastieren, wer hatte das jemals zuvor gewagt?
Im Nachhinein lässt es sich immer leicht sagen: drei junge Männer hatten sich für das Richtige entschieden. Sie lebten weiter in wegweisender Musik und Flanellhemden, auch wenn es weh tat, aber Narben entfalten schließlich irgend wann ihren individuellen Charakter. Selten hatte sich das Mitteilungsbedürfnis purer Lebenskraft so intensiv in amerikanischen Rock kondensieren lassen, wie auf „Ragin’, Full-On“. Firehose brauchten noch zwei weitere große Alben, um wieder nach Haus zu kommen. Auf „From Ohio“ sangen sie schließlich „Liberty for our friend“.

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