Klassiker: The Cure – Seventeen Seconds

Auch ich habe mir früher vor der Schule den Kajalstift in die Augen gedrückt. Teilweise ließ sogar roter Lippenstift meine Lippen verschmiert aussehen. Ach, waren das Zeiten! Bin alt geworden…
The Cure waren meine absolute Lieblingsband. Robert Smith weinte in meinem Zimmer und ich hielt immer Taschentücher für ihn parat. “Seventeen Seconds” ist zur Zeit meine “Lieblingscure”. Das kann sich morgen aber schon wieder ändern, denn fast alle Cure-Platten haben ihre Besonderheit. “Seventeen Seconds” ist wie ein Schneckenhaus. Im Innern ist es dunkel, ja fast schon unangenehm feucht. Die Drums klopfen stumpf von Aussen ans Gehäuse. Der Bass hüpft phlegmatisch vor sich her und versucht mit der Taschenlampe einen Weg zu weisen. Der Wald wirft kalte Schatten.
Nach “Boys don’t cry” wollte Smith wohl der Popmusik entkommen oder den Rücken kehren. Hat nicht ganz geklappt! Lieber alles unscharf anreißen und verschwommen über den Äther jagen. “Play For Today” lächelt kurz und lässt die Grufties vor und zurück schlurfen. Smith wirkte angeschlagen. Fast lustlos. Vielleicht ahnte er schon, dass The Cure die größte “Rock”-Band aller Zeiten werden würde.
Der Nebel lässt alles grau erscheinen und zwischen den Bäumen tauchen fiese Fratzen auf, doch dahinter verstecken sich, wie gehabt, nur spielende Kinder. “A Forest” blieb die einzige Single. Die Songs tropfen vor sich hin. Keiner schiebt den Karren an. Warum auch? Intuitiv wird in die Kerze geguckt. Warum Tempo machen, das Leben und die Musikwelt sind schnelllebig genug. Diese Affektiertheit, dieses Nichtwollen, klingt unglaublich bedrückend, metallisch und unkaputtbar. Smith zwiebelt seine Gitarre durch ausufernde Grautöne. Seine Pickings tragen alles. Zumindest schwere Last.
Schon der Einstieg mit “A Reflection” wabbert “mogwaiartig” durch den Phaser. Laurence Tolhurst, der Mann am Drumkit, bleibt im Hintergrund und jeder Beckenschlag lässt einen kurz erschrecken. Smiths Stimme ist fast nackt. Nur die Keyboards von Matthieu Hartley streuen kurze Wohltaten. Obwohl er auch gerne den Ellenbogen auf die Tasten legt.
Ich bin verliebt in diese Scheibe. Die kleinen Melodiebögen reichen aus, um hinter all dem Grau den Regenbogen zu sehen. Wunderbar pufft der Hall um die Rinden. Schöner können Trauermärsche nicht klingen. “Three” knackt und lässt eine Distortion-Gitarre gegen die Snare laufen. Smiths Stimme kommt aus einer Raumkapsel ohne Toilette. Beängstigend. Manchmal fliegt etwas in den Raum, prallt gegen eine Wand und titscht ins Unbedeutene. “M” holt kurz den Pop aus dem Feuer, doch “At Night” geht wieder mit dem Holzhammer drüber.
Wie leise Robert Smiths Stimme gemischt ist. Unvorstellbar! “Seventeen Seconds” hält das gesamte Cure-Werk bis heute zusammen. Man verliebt sich jeden Tag in einen anderen Akkordwechsel. “Everything Is Cold Now”. Mir wird ganz warm.
Erschienen 1980 bei Fiction

0 Gedanken zu „Klassiker: The Cure – Seventeen Seconds“

  1. Nie kommentiert ‘einer’ Deine tollen Schreibtalente…
    Ich wollte das mal durchbrechen.
    Danke für das zurückschubern
    in meine Musiksozialisation.
    Manchmal vergesse ich mein Archiv.
    Love
    Gene

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