Klassiker: Wunder – o.T.

Gern wird gefragt: “Welches Erlebnis verbindest du mit Song X oder Album Y?” Damit wird der manchmal etwas überstrapazierte Wunsch nach möglichst persönlicher Verlinkung zum Ausdruck gebracht. Das Erstlingswerk des Kölner Musikers Jörg Follert 1998 alias Wunder ist für mich diesbezüglich ein bleibender Einschlag.
Irgendwann anno 2000, Köln Ehrenfeld, ein allseits gern besuchtes Tagescafé mit erstklassiger konditorischer Speisetheke: Ich warte auf mein Rendezvous. Sie nimmt Platz, es werden Höflichkeiten ausgetauscht. Die Konversation kommt stockend in Gang. Es ist offensichtlich, etwas steht ungeklärt im Raum. Ich habe keine Strategie. Beklemmung sickert aus meinen Poren. Dann, die traurig ernüchternde Erlösung. Ich fange mir den endgültigen Korb: “Wäre es nicht schön, wenn wir Freunde bleiben könnten?”
Plötzlich weht von irgendeiner Ecke “Look out for yourself” herüber. Ich staune, fühle mich nicht mehr nur zum Alleinsein degradiert und versuche durchzuatmen. Wir nehmen uns Zeit, die Frage nach platonischer Freundschaft zu erörtern. Sehr viel Zeit. Missverständnisse werden erklärt. Währenddessen beschenkt uns die café-eigene Hifi-Anlage nicht nur mit dem kompletten Wunder-Album, sondern mit vielem Anderen. Scheinbar nur Momente, später eine Stimme aus der Aussenwelt: “Entschuldigung, darf ich mal kurz stören? Wir haben Schichtwechsel. Ich würde gern abrechnen.”
Das Debütalbum Wunder von Jörg Follert steht in jeder Hinsicht quer zu allen Strömungen elektronischer Musik seiner Zeit. Wunder handelt von Erinnerung. Nein, vom Erinnern. Auch falsch. Diese Platte verwandelt Themen wie Erinnern, Kindheit, Sentimentalität und Sehnsucht in musikalische Preziosen der Versöhnung.
Es sind nicht nur die Low-Fi-Loops, die spitzen, gezupften Streicher, die sanft vibrierenden flächigen Streicher, das warme E-Piano, das Rauschen des Regens und die Bruchstücke von dokumentarisch anmutenden Stimmen-Atmosphären im Hintergrund. Es ist die behutsame Zusammenführung aller Elemente zu einer fragilen Gesamtatmosphäre, die die Anmutung anderer Zeiten in die Gegenwart weht. Sogar die leise und dünn schnurrenden Synthesizer-Bässe streicheln sich wie Katzen, die sich an deinen Beinen reiben, ins Gesamtbild ein. Das Ergebnis ist Trost.
Wenn bei Alexander Kluge einst von dem Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit die Rede war, so beschert uns Wunder die Versöhnung derselben mit allen Zeiten. Diese Platte nimmt dich in die Arme und lässt nicht mehr los. Das klingt kitschig und ist doch so wahr, für mich. Deshalb kann ich für Wunder auch nur eingeschränkt musikalisch argumentieren. Ein letzter Versuch. Wunder wird auch durch die Einbettung einer Coverversion in seiner thematischen Ausrichtung konsequent komplettiert. Es handelt sich um den Ary-Barroso-Klassiker “Aquarela do Brasil”, besser bekannt als “Brazil”, der hier bescheiden interpretiert die Strahlkraft einer verblassten Fotografie aus den 1950er Jahren zu haben scheint:
… Then, tomorrow was another day, the morning found me miles away, with still a million things to say; now, when twilight dims the sky above, recalling thrills of our love. There’s one thing I’m certain of  – return I will to old Brazil.
Wunder ist 1998 bei Karaoke Kalk erschienen. Jörg Follert alias Wechsel Garland bei MySpace.

0 Gedanken zu „Klassiker: Wunder – o.T.“

  1. Sehr, sehr schön…
    Eine „höhere“, nichtkörperliche Form
    von Liebe zur Musik.
    Die Basis der seelischen Verbundenheit.
    Habt ihr noch Kontakt?

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