Joakim – Milky Ways

Seitenwege, vermutlich Seitenwege. Abschüssige Seitenwege führen zurück ins Tal. Unten ein Schützenfest. Von irgendwo her weht infernalisches Getrommel. Wer hat den betrunkenen Mann mit der Pauke bestellt? Syntiegefiepe fliegt von hinten ein. Ohne Mühe wird dieses von dem Mann mit der Pauke niedergemäht.
Der Erfolg von Ed Banger hat einige Franzosen ja mächtig enthemmt. Und Joakim offensichtlich ein wenig genervt. Denn jetzt hält er dagegen, mit einer Zitatensammlung unter dem Arm. Die ganze Chose entwickelt sich flux zur megalomanischen Oldschool-Rockpose contra Ed Banger. Deep Purple wären neidisch. Becken werden systematisch ausgepeitscht. Geben se dem Mann am Schlachzeuch noch n’ Elektrolytgetränk. Dann endlich Ruhe. Die Dorfdisko ist erreicht.
Die hat glücklicherweise einen Vocoder. Discobeat mit funky Bässen werden problemlos in das Rockposen-Korsett eingebettet. Jetzt dreht sich die Entwicklung Richtung Syntiedemo-Session auf dem Heuboden. Darf ich ihnen meinen neuen alten Prophet 5 vorstellen? Der sägt echt gut.
Romantisch ist das nicht immer, und wenn dann eher verklärt. Wenn’s hilft, als Gegenwaffe. Dafür wird die funky Disco schließlich doch noch zum zentralen Thema erklärt – wen hätte das überrascht? Recht langsam zwar, dafür immerhin mehrstimmig besungen. Getragenheit steht im Mittelpunkt, wird vom Heuboden aber auf Dauer nicht erduldet. Was machen wir da nur? Alles ist so traurig. Ach, das letzte Stück war noch immer zu schnell? Dann werden wir halt noch langsamer. Augen zu und durch! Ist das hier die Disco der toten Berghelden?
Joakim gefällt sich auf “Milky Ways” in einer sentimentalen Haltung. Hier wird Brachiales, wenn es modern ist nur zitiert, um sich überdrüssig davon abzuwenden. Romantischer Sinngehalt wird von ihm in den 70er-Jahren gesucht und manchmal auch gefunden. Sei es in großen Rockposen, sei es in Krautrock-Fantasien, sei es in italienischen Bergdiscotheken.
Selten wagt er jedoch eine Strophe. Noch seltener legt er den Vocoder aus der Hand. Nie schaut er sein Publikum an. Es geht ihm nur um die Kontradiktion. Seht ihr, es geht auch anders! Mitnehmen will er niemanden in die 70er. Das ist zu einem gewissen Grad nach zu vollziehen und hat so gar nichts mit seinem 2003 erschienen ersten Album “Fantomes” zu tun. Es ist eine gekonnte, langsame und vor allem geschmäcklerische Collage durch europäische Discothekengeschichte mit gewollt traurigen Momenten. Immer nur angedeutet. Am Ende sucht Joakim, mit beiden Beinen im 21 Jhd., Trost im Panoramablick. Weites Land, selbstvergessen. Kann den Mann mal jemand an die Hand nehmen und auf sein Einzelzimmer bringen?

Milky Ways erscheint bei K7. Hörproben gibt’s hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.