Gesellschaft zur Emanzipation des Samples – Circulations

Jan Jelinek hat sich mit dem Label Faitiche eine Plattform für Experimente, Verschüttetes und jetzt auch Utopisches geschaffen. Nach Ursula Bogners elektronischen Elaboraten aus den 60er Jahren wird mit der zweiten Veröffentlichung ein weiteres Projekt vorgestellt: Die Gesellschaft zur Emanzipation des Samples. Diese verschreibt sich der Unterstützung beim Ausüben eines Urheberrechtsverstoßes, dem Sampling, und zwar durch finanziellen Rückhalt und juristischen Beistand. Mit diesem durchaus nicht unernsten Gedanken schafft sich Jan Jelinek ein Vehikel, mit dessen Hilfe er eine vielgestaltige Klangkollage komponiert, die wiederum nur scheinbar beiläufig zeitgenössische Probleme des Rechtes an Musik und digitalen Medien verhandelt.
Teils als Jäger und Sammler mehr jedoch als akustischer Visionär wartet Jelinek nicht nur mit einer wunderbaren Auswahl von Sample-Exotica und spannenden Audio-Raritäten auf, sondern entblättert seine Grundgedanken der Gesellschaft zur Emanzipation des Samples. Und die gehen noch einen Dreh weiter.
Jedem Field-Recording-Freund ist es vertraut, immer wieder in Situationen im öffentlichen Raum zu gelangen, die von urheberrechtlich geschützter Musik durchtränkt sind. Die Musik ist Teil dieser öffentlichen Raumsituation; zum Beispiel auf der Kirmes, beim Friseur oder im Kaufhaus. Auf “Circulations” stellt Jan Jelinek derartige Situationen nach. Er platziert Wiedergabegeräte mit seinen Samples in öffentlichen Räumen und nimmt diese dann in der Situation mit dem Raumklangereignis als präparierte Lautsphären auf.
Dazu die Liner Notes: “Circulations” inszeniert eine Aufnahmesituation und zugleich auch die Utopie eines urheberrechtsfreien Raums. Denn vielleicht eröffnet sich hier ein Weg aus der Kriminalisierung des Samplings: Man nehme sein Samplematerial und sample es im öffentlichen Raum. Zitat Ende.
Das ist dann wohl die Natur als Effektgerät, oder besser die Renaturierung des Effektgerätes! Immerhin ist es Klangveränderung und Samplebearbeitung durch das Werkzeug mehr oder weniger natürlicher Umgebung. Aber Renaturierung von Klängen ist es nicht. Wie sollte man schon konservierte, also der Erzeugungsumgebung entrissene Klänge sich selbst überlassen? Mit Nanobots vielleicht irgendwann. Aber wäre das wünschenswert? Und wo wäre die Grenze der Musik dann überschritten?
Auf “Circulations” meint man einmal Filmmusik im Zoo zu hören oder Computerspiel-Sounds in der Kantine. Dann versuchen sich Effekte wie Echo, Hall und Rückwärts-Schleifen an einer Forbidden-Planet-Soundtrack-Ästethik für weitere Samples. Oder Blasinstrumentensamples, oder eine Computerstimme, vielleicht nachbearbeitet. Die entblättert die ganze Hybris des allgegenwärtigen Angebots des popmusikalischen Kanons. Räume mit menschliche Stimmen, Räume mit Tierstimmen, Räume mit Knistern, unterschwellige Räume.
Als Ganzes verfehlt Circulations seine aussergewöhnliche Wirkung nicht. Jan Jelinek hat gewissermaßen in Grundzügen eine akustische Phänomenolgie der letzten Jahrzehnte als Versuchsanordnung angesetzt. Die fängt nun an zu gären. Sein erstes Zwischenergebnis ist eine Raumklang-Collage mit stichhaltigen Verweisen zu Musique Concrète und der Entwickung elektronischer Musik seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Darauf lässt sich Größeres aufbauen.
“Circulations” ist am 29.05.2009 auf Faitiche erschienen.
circulations

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