Klassiker: Bad Brains – I Against I

Dr. Know hat Ende der 70er genug von Fusion Jazz. Statt seine Gitarre an den Nagel zu hängen, trifft er sich mit Freunden. Rastafaris und Sympathisanten, rätselhafte Bilderstürmer, Bob-Marley-Jünger mit ausgeprägtem Gitarrenfetischismus proben gemeinsam den Aufstand. Legendäre Auftritte prägen Auftrittslegenden. Es folgt ein Debutalbum, das 1982 nur auf Cassette erscheint. Der Blitz schlägt im Capitol ein. Auftrittsverbote sorgen wie Teilchenbeschleuniger für Kanonaden von Gerüchten. Die Kollegen, die eine Gitarre halten können, (Black Flag, Beastie Boys, Henry Rollins) lieben sie. Es formt sich früher Ruhm und eine edle Mission.
Die führt zunächst von Washington D.C. nach New York und lautet: Bringt Punk nach Amerika und verbreitet die Botschaft der Liebe Haile Selassies. Das verfeinert die Gitarren-Rebellion zu etwas, das später Hardcore genannt werden wird. In der Theorie ist das bestechend, aber Idealisten sind schon an anderen Ansprüchen zerbrochen. Alle Kollegen lieben sie jetzt erst recht.
bad_brains_live
Die Bad Brains sind eine Band, die nie richtig zu sich selbst fand, aber das vielleicht schon früh ahnte: “How low can a punk get?” sangen sie 1983 auf ihrem zweiten Album “Rock for Light”. Ein ungestümes Werk von kurzen Fegern unterbrochen von Raggae-Kapriolen, ein wüstes Konglomerat aus Punkattacken und Dreifaltigkeits-Visionen. Verweigert euch allen Konvention und lasst die Gitarre ein Brett sein. Aber vergesst verdammt noch mal die Liebe nicht!
Das ist zuviel. Richtungsstreit. Homophobie-Vorwürfe, unterschwelliger Chauvinismus? Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte! Es folgt die erste Bandauflösung 1983 und drei Jahre später die erste Reunion, und dann ist da auf einmal ein Moment im Auge des Orkans, in dem herrscht wirklich Ruhe, der absolute Nullpunkt:
“I Against I” erscheint noch im selben Jahr bei SST als drittes Studioalbum und glänzt als Hardcore-Meilenstein und Crossover-Wegweiser in die späten 80er und darüber hinaus (siehe Living Colour, 24-7 Spyz, Red Hot Chili Peppers, Beastie Boys, Consolidated, Victims Family). Fette Unisono-Breaks strukturieren meist langsamere Strophen-Nummern mit simplen Hooklines; in den Bridges immer wieder kleine Verzierungen. Skizzenhaft dahin gegossene Metal-affine Sologitarrenmotive stoppen sich in breiten Akkorden, bevor sie in Selbstverliebtheit abdriften könnten. Sprechen wir es gelassen aus: Es ist ein punkvermintes Hardrock-Album, eines, bei dem alles passt.
Hier kann Sänger H.R. a.k.a. Ras Hailu Gabriel Joseph I seine Botschaften lässig entfalten und über gemietete Schusswaffen und die heilige Liebe dichten. Dazwischen immer wieder Explosionen und aufschreiende Kieckser; für Sekundenbruchteile wird Nina Hagen zum Schulmädchen degradiert. Besser geht es nicht. Damaliges Gerücht zu “I Against I”: H.R. habe seine Spur zu “Sacred Love” aus dem Knast heraus telefonierend eingesungen.
Was danach kam, war und ist biographisches Loop. Die Bad Brains sind gefangen in der bis heute andauernden Wiederkehr von Labelwechseln, Auflösungen und Reunions.
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0 Gedanken zu „Klassiker: Bad Brains – I Against I“

  1. gerüchte, gerüchte, gerüchte. für interessierte empfehle ich folgende lektüre: mark andersen/ mark jenkins, punk,dc, dance of days, ventil verlag.
    btw: bad brains muss man auch mal live erlebt haben, zb 1987 in nijmwegen, da fehlen mir bis heute die worte….

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