Klassiker: Robert Hood – Internal Empire

Ein Mann beschließt, sich von den großen Gesten der Techno-Clubs Europas abzuwenden. Er zieht aus, um in bis dahin unbefahrenen Klang-Ozeanen einen neuen Mikrokosmos zu entdecken. Eine Pioniertat bahnt sich an. Man schreibt das Jahr 1994 und seine kleine Meeresfarm wird forthin Minimal Techno genannt.
Der Mann heißt Robert Hood und der Plankton, den er schöpfte, widersprach den Hörgewohnheiten. Er sprengte die Paletten des technoiden Geräuschkanons jener Tage und befreite diesen zugleich. Denn das Paradigma des Big-as-big-can hatte bisweilen zum Hyperventilieren in Arrangement und Klangwahl geführt. Subgenres wie Hard House, Deep House, Goa und eben Minimal sollten die Retter sein. Wozu Breitwand-Synthieflächen in ewig gleichem 4/4tel-Stakkato unisono repetieren? Wozu den nten Kickdrum-Break in einer zweiminütigen Dauersteigerung totreizen? Wieso all das konservieren? Der Impetus des Frischen, den seit 1990 Legionen von Prodigy bis Jam & Spoon auf die Dancefloors warfen, war verloren.
Auf “Internal Empire” hört man keine bis zum Anschlag angezerrten Kicks, die mit fettleibigen Streicherflächen und synchronisierten Hallfahnen zugekleistert werden. Robert Hood sucht die Beschränkung und findet darin das Wesentliche. Widerspruch erzeugt Spannung, diese erzeugt Reibung und letztendlich: Groove.
Ein Track wie Minus (!) demonstriert, dass schon zwei Spuren – hier eine Bassdrum und eine arpeggierte Syntiehookline die Seele eines Stücks bilden können. Eine Erkenntnis, die auch heute noch durch die Arbeiten von z.B. Sleeparchive eindrucksvoll bestätigt wird. Wichtig ist der rhythmische Versatz der beiden Spuren zueinander. Die Synkope trägt die Spannung wellenförmig und reitet mit ihr davon. Dabei entsteht Raum für neue filigranere Klänge. Robert Hood interessiert dabei nicht wie spektakulär ein Sound kommt, wenn er alleine glänzt. Vielmehr untersucht er die Klänge auf ihre Elaszität im rhythmischen Pattern; auf ihre Viskosität. Wie reagiert ein Sound auf kurze Delays, mit denen sich dieser dann ins rhythmische Gesamtgefüge einpasst? Wenn der Sound kristallklar perlt, dann groovt er auch.
Aus der Rückschau gesehen wird Robert Hoods damaliger Ansatz immer wichtiger. Denn sein Verdienst war es nicht nur Detroit Techno mitzuprägen. Die Ausdifferenzierungen und Weiterentwicklungen von Minimal sind heute immer noch virulent. Mein Anspieltipp: “Parade”. Auch sei sein ebenfalls 1994 erschienenes Album Minimal Nation nicht vergessen.
Internal Empire ist 1994 bei Tresor erschienen.

0 Gedanken zu „Klassiker: Robert Hood – Internal Empire“

  1. hey dr. wu, ich predige seit jahren das “internal empire” und eben nicht “minimal nation” die blaupause für minimaltechno ist, und jetzt steht das hier. gut!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.