Klassiker: Carpenters – Ticket To Ride

Ein merkwürdiger und der bis heute vielleicht schwierigste Einstieg in ein Klassiker-Popalbum. Die Geschwister Carpenter doppeln ihre fantastischen Stimmen und schwadronieren eine A-Capellaskizze über Beach Boys-Surfbretter. Eine Minute reicht, um die Armbehaarung stachelig werden zu lassen.
Danach folgt ein Meisterwerk der Arrangierkunst, wie es wohl kaum ein zweites gibt. Mit allem sich vorzustellenden Weirdosoundexperimentenpipapo. Wahnsinn!
Phaser-Effekte liegen auf Karens Schlagzeug. Richards Stimme bekommt immer dann diese wunderbare Süffisanz, wenn Karen ihm gesanglich unter die Stimmbänder greift und so alles noch pompöser macht. Die Ballade “Someday” ist vielleicht eine der leider vergessensten Kompositionen Richards. Atemberaubend orchestriert darf Karen die traurige Wunschprinzessin performen. Mit 19 darf man das noch und Karen sowieso.
Verrückte Tempiwechsel, magisch angeschlagene Snareplopper und dieser unverwechselbare Vocalsound erzeugen regelrecht feuchte Träume. Und ein gewisser Herb Alpert schwingt freudig erregt den Shaker.
Gut, 1969 durfte man noch die Beatles covern und das Album sogar nach jenem Song benennen. Schwamm drüber. Zuerst erschien es unter dem Namen “Offering”. Doch das Segelschiff war längst gebucht.
Übrigens dürfen die Carpenters eh alles. Karen Carpenter, die Magersüchtige mit einer Stimme, die einem Löcher ins Herz frisst. Küsschen.
Richard, der Beschützer mit Tabletten vollgepumpt und einem Händchen für das große Versprechen Popmusik größer als Gott werden zu lassen. Respekt.
Das Albumcover spricht von Medizin für die Seele. Rezeptfrei. Lasst euren Tränen ruhig freien Lauf. Es tut gut was zu fühlen. Küsst euch am Spiegel selbst, wenn ihr einsam seid. Doch vergesst nicht: Geht wieder aus, lernt nette, neue Leute kennen, legt diese Scheibe auf und ihr werdet euch vor neuen Freunden und daraus resultierenden Sexualpartnern kaum noch retten können.
Von vorne bis hinten ein Meisterwerk. Ein Pflichtkauf für alle Best-Of-Compilationhasser. Dort gibt es den 40 Sekünder “Benediction” bestimmt nicht zu finden. Danke Karen, danke Richard! Ihr habt mein Leben bereichert.
Ich vermisse euch…
Erschienen bei A&M Records

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