SND – Atavism

SND aus Sheffield sind mit ihrem vierten Studioalbum “Atavism” zurück. Der Titel verweist auf ein Prinzip, das für scheinbar überkommene Kompositionstechniken steht. Das Vereinfachung bemüht. Das Monophonie zentralisiert. Dieses Vorgehen als Rückfall in Überholtes zu bezeichnen, könnte man SND als übertriebene Bescheidenheit auslegen. Muss man aber nicht. Denn alles was hier in seiner Konzeption archaisch ist, ist in seinem Wirken – nicht nur auf die elektronischen Musik – höchst modern.
Ein Doppelklang steht allein, allein im Raum. Die monophone Stimme des Synthesizers und die Kick. Das eine Element bedeckt das andere und umgekehrt. Das eine Element trägt das andere und umgekehrt. Statische Symbiose. Eine einfache und effektive Art, mit der man irgendwann mal sehr hoch bauen wird. Man muss sich nur trauen.
Einfachste rhythmische Strukturen variieren in gravitätischer Langsamkeit. Nichts kommt zu früh oder zu spät. Dann auch Beschleunigung. Und tonale Variation. Alles scheint im Gleichgewicht, obwohl man manchmal befürchtet SND könnten beim nächsten Track in die Langweiligkeitsfalle tappen, wegen der Einfachheit. Nichts dergleichen. Zu keiner Zeit.
Immer im richtigen Moment kommt die nächste Variation. Weitere Rhythmusinstrumente treten hinzu. Das Bild verdichtet sich. Und der Raum wächst mit. Dann sogar Handclap. Auch die ist austariert, gemessen, und hält immer alles in der Balance. Auch die Beschleunigung.
Irgendwann merkt man, an wie vielen Parametern SND gleichzeitig drehen, nur unmerklich fein, so fein, dass es sich erst in größeren Zeitintervallen erschließt. In viel größeren. Auch in der Verlangsamung. Vielleicht helfen Algorithmen bei der Verteilung der Klangereignisse. Simultane Iteration, wie es in den Liner Notes zu “Atavism” heißt.
Der Evolutionsforscher rafft die Zeit, um Unerlebbares verständlich zu machen, der Komponist dehnt sie, um dem Klang die Raumzeit zu geben, die ihm gebührt. Exzellente Klangbildhauerei.
Atavism von SND ist bei Raster Noton erschienen.

0 Gedanken zu „SND – Atavism“

  1. aaahhhh, soeben nochmal im hintergrund bei büroarbeiten gehört, superb!das ist definitiv kein pop, klangbildhauerei passt schon. ich würde sogar ambient vorschlagen: grosse momente beim konzentrierten zuhören als auch nebenbei…wie wär es mal mit einem dj/mashup-mix von (neueren) autechre-alvanoto-snd tracks? ich glaub’ das nehme ich mal in angriff.

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