Klassiker: Brian Eno/David Byrne – My Life in the Bush of Ghosts

“My Life in the Bush of Ghosts” ist der Titel eines 1954 erschienenen Romans des nigerianischen Schriftstellers Amos Tutuola. Es ist die Geschichte einer langen Irrfahrt durch den afrikanischen Busch, der zur magischen Bühne einer mannigfaltigen Geisterwelt wird. Tutuolas zweites Buch ist in einer Umgangssprache geschrieben, die kein Vorbild kennt, in einer archaischen Erzählweise, die Regeln eines modernen, dem Realismus verpflichteten Romans missachtet.
“My Life in the Bush of Ghosts” ist auch der Titel eines Albums von Brian Eno und David Byrne. Als dieses 1981 erschien hatten die beiden, jeder für sich mit ihren Gruppen Roxy Music und Talking Heads – Eno auch solo – schon Wesentliches der vergangenen Musikdekade abgegehandelt. Rock, Glam, New Wave, und experimentelle Musik gehörten zu ihren bekannten Oevres. Ebenso verzeichneten die zu jener Zeit immer noch virulenten, aber schon etwas in die Jahre gekommenen Genres Punk und New Wave zunehmend nur noch graduelle Veränderungen. Syntiepop und New Romatic standen auf der Matte.
Schon im Erscheinungsjahr war offensichtlich, dass die erste gemeinsame Arbeit von Eno und Byrne, eine Sonderstellung zu den Strömungen jener Zeit einnahm. Das bis dato vorherrschende Paradigma der Songorientierung in der Popmusik geriet erstmals ins Wanken.
An die Stelle des Leadgesangs treten vielgestaltige, teilweise gesungene, Stimmenpassagen unterschiedlichster Herkunft, Fundstücke des Äthers, globales FM-Strandgut. Wir hören unter anderem Ausschnitte aus Radio-Talkshows, libanesischen Berggesängen, Predigten, ägyptischem Pop und exorzistischen Praktiken. Erstaunlich ist mit welcher Musikalität die Radiostimmen in die Arrangements eingebunden werden. Sampling und Fieldrecording werden, wie selbst verständlich, in den Kanon der Kompositionswerkzeuge aufgenommen.
Zusammen mit den dichten Percussion- und Synthesizer-Patterns entstehen aufwendige verwobene Strukturen, die zu Schmelztiegeln für spätere Entwicklungen werden – auch ein Verdienst der vielen Gastmusiker (neben anderen: Bill Laswell, Tim Wright, David van Tieghem, Chris Frantz). Die Grundidee dahinter evoziert vielleicht so etwas wie digitalisiertes Komponieren: aus einem weltumspannenden Ozean kleiner Partikeln entsteht ein neues großes Ganzes. Der singuläre Pinselstrich des Komponisten, der den Charakter prägt, gehört ad acta.
“My Life in the Bush of Ghosts” ist und bleibt als Konzeptalbum ein Pionier für wesentliche Stile und Entwicklungen, die im weiteren Verlauf der 80er Jahre und darüber hinaus wichtig wurden: Wordmusic, Electronic, Dancefloor, Mash-up, Ambient und die Remix-Kultur.
My Life in the Bush of Ghosts erschien erstmals 1981 bei Sire.
Album, Reissue 2006 und Remix

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