Guido Möbius – Gebirge

Wucht. Durch eine Gletscherzunge gedrückte Attitüde. Experimentierfreude à gogo, dass es eine Frechheit ist. Hebel starker Kontrastierung wirken in etwas, das manchmal den Geist von Captain Beefhearts “Trout Mask Replica” wiederbelebt jedoch selbst viel moderner klingt. Eine aktuelle Überformung der Nachbildung, mit scheppernden Gitarrenakkorden und sehr freier Stimme. A-E-I-O-U-Ich-bin-Analphabet. Perfekt! Anfänger-Glücksmomente? Keineswegs. Guido Möbius ist ein versierter Artist. Alle Kompositionen auf “Gebirge” sind könnerhaft ohne dabei jemals besserwisserisch zu wirken.
Jonglieren als Selbstzweck, z.B. Flic Flac jenseits der Baumgrenze und dabei verwegen die zweite Stimme pfeifen. Klappt bei ihm immer und klebt nicht. Unerhört! Weiter jonglieren. Da gerät man als Zuhörer schon mal ungläubig ins Staunen. Von amorphen Lauten und Silbenpoesie getragene Vokalakte fallen und lallen von einem elektrischem Stillleben ins nächste. Alles immer rhythmisch bis zum zerreißen akzentuiert; auch wegen der guten Spannung aufbauenden Pausen. Könnerpausen!
Fette Synties tosen selbstverliebt. Lassen einfach mal den Sägezahn raus. Sind die schön! Von hinten kommen über Steilhänge hopsende angeschrägte Bläsersätze hinzu. Die scheppern wie auf Balkan-Wettbewerben und finden sich doch ins Eigentliche. Nämlich, dass der Bergsteiger zum Jazz-Analphabeten werden kann – jetzt noch schöner. Erste Steilwände wackeln. Welche Wände eigentlich? Hier wird die Freiheit des Nicht-Stils erfolgreich propagiert: endlich frei vom anders sein; in einsamen Höhen. Meisterhöhen!
Spätestens jetzt müsste Arno Steffen auf die Knie fallen. Und der Berg ruft dazu: “Ja, ist ja alles supergut, (ne)!?” Sogar ganze Wörter poltern dann garniert mit dunstigen Blues-Gitarren und zunehmend dissonanten Stampf-Bläsern. Die Arrangements verdichten sich, verstolpern sich jedoch nie. Manchmal wie in “Sssplitter” sind die Stimmen so mitreißend rhythmisch wie einst der Gesang in Yellows “Bostich” ohne jeden Anflug von Pop. Und dann, von ganz hinten tritt eine Frau hervor. In fahlem Licht hebt Meredith Monk zögerlich ihren Daumen! “Wunderbar, wunderbar, schön, schön!” Und endlich wird klar: Guido Möbius ist zwei Matterhorns und damit erster Anwärter auf das Album des Jahres 2009
Gebirge von Guido Möbius ist bei Karaoke Kalk erschienen. Hörbeispiele gibt es auch hier.

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