Tim Exile – Listening Tree

Tim Exile ist der Musiker, der sich vor kurzem einer größeren, vor allem Internet-affinen Hörerschaft, bekannt zu machen wusste, indem er ein Mash-Up von Obamas Antrittsrede bei Youtube veröffentlichte. “Heaven 17 – 2009″ ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, nachdem ich seine aktuelle CD “Listening Tree” angehört hatte.
Nicht nur die artistischen Schichtungen seiner Stimme und die opulenten Arrangements der Chöre erinnern stark an das Markenzeichen der Herren Gregory, Marsh und Ware, nein es ist auch der Umgang mit Harmonien. Dieser fast überkandidelte Einsatz von nicht enden wollende Akkordkaskaden und Rückungen macht beim Zuhören atemlos. Hier herrscht die pure Übertreibung. Man denkt zuweilen, oh je, diese Wendung, dieser Schnörkel, dieses Steigen ist jetzt aber wirklich zu viel, wie kommt er aus diesem Song noch heil raus? Und tatsächlich, es gibt dennoch immer wieder eine gelungene Auflösung. Akkordische Achterbahnfahrten mit Happy-End.
Steigerung ist eines der zentralen Schlüsselwörter für “Listening Tree”. Da ist eins ums andere Mal die schon erwähnte harmonische Verschachtelung, aber da es in den vergangenen beiden Jahrzehnten Konsens war die Komplexität von Beats ebenfalls stark zu erhöhen, macht das durchaus Sinn. Dennoch wirkt der Manierismus bei Tim Exile noch tiefer. Komplette Gesangspartien werden silbenweise aus einzelnen Samples zusammen gesetzt (wie z.B. in Family Galaxy). Fleißarbeit für einen auch klanglich knallbunten Flickenteppich.
Tim Exile führt das souverän weiter, was vor vier Jahren Jackson and his Computerband gewagter aber unausgegorener anklingen ließ. Artistische harmonische, elektronische Musik, sicherlich auch mit einem Faible für 80er-Jahre-Zitate. Eine abwechslungsreiche verstiegene Elektronik, die angenehmer Weise nicht clubkompatibel sein will. Schon jetzt eines der herausragenden Alben 2009.
Das Album “Listening Tree” von Tim Exile ist bei Warp erschienen. Hörbeispiele gibt’s hier.
Siehe auch hier.

0 Gedanken zu „Tim Exile – Listening Tree“

  1. den obama mash-up fand ich auch überkandidelt, naja als klangkunst-performance geht’s durch. zu empfehlen sind aber auch tim’s ältere arbeiten; z.b die gabbaret lounge, der name sagt es ja schon…

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