Grizzly Bear – Veckatimest

Die Bären sind los! Im Wald werden riesige Fackeln entzündet und die Wege werden schnitzeljagdmäßig mit kleinen Stöcken gekennzeichnet. Rechts, links oder doch geradeaus?

Das Quartett aus Brooklyn meistert die Schwierigkeit des Ablieferns eines Nachfolgers des Opus “Yellow House” ohne mit der Fellmütze zu zucken. Das Schlagzeug bollert mehr als früher und es macht die Stücke griffiger. Die akustischen Gitarren liefern sich Pickingduelle und auch die Stimmen battlen sich zu Höchstleistungen.
Die Streicher- und Chorarrangements von Nico Muhly erstrahlen in vollster Kraft. Muhly, ein Komponist der neuen Schule, empfiehlt sich erneut für nächste Großaufgaben. “Two Weeks”, ein Knaller, liebäugelt mit den Beach Boys und zeigt uns den Weg zur schönsten Lichtung.
Die Kanus werden fahrtauglich geschustert und so geht’s ab durch wilde Gewässer. Schwimmwesten sind Pflicht! Bis zum nächtlichen Campaufenthalt liegen lange, sonnendurchflutete Stunden vor uns. Steigerungen sind immer möglich. Ob zu Land, zu Wasser oder zu Fuß. Grizzly Bear bezaubern jeden, auch die Daheimgebliebenen. Sogar am Lagerfeuer zu später Stunde machen sie eine gute Figur. Beta Band ohne Kifferbirne! Wie eine Pusteblume mit ganz viel Puste! Und die ernsten Chöre machen einem manchmal sogar ein bißchen Angst. Aber so ist das mit wilden Bären…
Zloty Vazquez
Grizzly Bear ist also mit dem insgesamt dritten Album zurück. Nach ihrem Meisterwerk “Yellow House”, das 2006 erschien, bedeutet das neue Album “”Veckatimest” eine Annäherung an mehr stilistische Konsistenz. Ab jetzt darf man wohl sagen, die Bären machen Folkrock, weitgehend.
Was ich ein bisschen enttäuschend finde, denn das, was das Besondere, das Magische an “Yellow House” ausmachte, war das zwielichtige, das geheimnisvolle, das brüchige Geflecht aus Folk, Psychedelic und ja, experimenteller Kammermusik, ein Album dessen Variationsfreudigkeit von Stück zu Stück immer wieder kontrastierend eingesetzt wurde. Das Ergebnis war atemlose Spannung.
Entweder hätte sich kompositorisch und stilistisch mehr im Gegensatz zum Vorgängeralbum ändern müssen oder etwa gar nichts, denke ich ein wenig trotzig nach dem ersten Hören von “Veckatimest”. Allerdings, nur weil die stilistische Route nun klarer ist, endet das Album keineswegs in Trivialem. “Veckatimest” ist dennoch ein in sich geschlossenes Lehrstück in feinsinniger Harmonie, insbesondere dessen wunderbaren Chöre immer noch ein Schillern und Schauern erzeugen können. Trotzdem werde ich in Zukunft wahrscheinlich öfter den Vorgänger aus dem Regal holen.
Axel Ganz
Erschienen bei Warp

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