Edition Zeitgenössische Musik – Collection 5

Bei der Durchsicht der Repertoires von Plattenläden, Musikbibliotheken und erst recht der Programme der Konzertsäle fällt seit Jahren immer wieder eines auf. Die akademische moderne Musik scheint Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu enden. Zumindest endet in jenen Jahren die Reichweite des Kanons moderner Musik in die öffentliche Wahrnehmung hinein; schade eigentlich. Wie soll man da neue Strömungen und Tendenzen der Kompostion entdecken, wenn die CD-Repertoires spätestens mit Morton Feldman enden?
Diese Frage ist, vom Deutschen Musikrat schon seit 1986 in periodischer Beantwortung. So lange schon werden in seiner “Edition Zeitgenössische Musik” CD-Portraits veröffentlicht, die das Schaffen jüngerer in Deutschland arbeitender Komponisten dokumentieren. Nun ist die 5. Ausgabe als Doppel-CD-Compilation unter dem Namen “Collection 5” erschienen, die einen Querschnitt der Arbeiten jüngerer Komponisten abbildet, deren Einzelveröffentlichungen zwischen 2005 und 2008 erschienen.
Was fällt beim ersten Hören der insgesamt 13 Stücke auf? Wo ist das Neue? Ja, wo? Die Repertoires der Instrumente aller vorliegenden Arbeiten ist sehr konventionell. Klassische Ensemble-Instrumentierungen mit Streichern, Blech- und Holzbläsern, klassische Perkussion bis hin zum großen Orchester sind hier allgemeiner Konsens, manchmal auch Klavier. Da sind die Anweisungen “Für Ensemble und Verstärker” bei Markus Hechtle und “Für drei Violoncelli und Computer” bei Erik Ona schon Ausnahmen. Doch auch der Computer bei Erik Ona ist wohl eher Kompositionsstrukturwerkzeug als Klangmaschine, die ihren Erkenntnisgewinn über das Ohr vermitteln kann.
Zu diesen Gewohnheiten äußerte sich Pierre Boulez 2006 in einem Interview mit dem Spiegel: “Sicher, es ist einfacher, nur für Instrumente ohne Elektronik zu schreiben, und es ist auch einfacher sie zu spielen. Wer aufgeführt werden möchte, schreibt am besten ein Kammerorchesterstück. Aus dieser Bequemlichkeit wird sehr leicht eine Bequemlichkeit im Denken. Ich halte das für kurzsichtig. Mich interessieren die Komponisten, die wirklich weiter wollen.
Doch immerhin werden die beiden hervorstechenden Parameter moderner Komposition weitgehend eingelöst. Statik und Dynamik; vor allem Dynamik, sehr stark. Dazu ebenfalls Boulez: “Die Frage ist: Gibt es konstante Elemente, konstante Charakteristika in der Wahrnehmung? Wenn sie zu viele Informationen kriegen, dann ist ihre Wahrnehmung desorientiert, sie finden kein Gesetz, an das sie sich halten können. Wenn ich ihnen statische Elemente liefere, dann können Sie die Musik sogar voraus ahnen. Die neuen, die zeitgemäßen Kategorien sind also Statik und Dynamik.” Eben, denn es ist nun wirklich nicht mehr eine relevante sondern eher eine sentimentale Frage nach der Vorrangigkeit von Tonalität oder Atonalität.
Andererseits treten in der zeitgenössischen Komposition offensichtlich ähnliche Phänomene auf, wie in der Popkultur und mithin allgemein in der Kunst. Dazu äußert sich Ingo Dorfmüller in den Liner Notes zu dieser Veröffentlichung: “ Der vorerst letzte Versuch einen verbindlichen Musikstil zu etablieren und damit zugleich zu definieren, was musikalischer Fortschritt sei, war die serielle Musik. Doch dieser Anspruch wurde, kaum war er formuliert, sogleich bestritten – und die Pluralität der Stile, die sich seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer weiter ausdifferenziert hat, ist als Tatsache ebenso unbestreitbar, wie sie ästhetisch umstritten geblieben ist. Immerhin gab es zunächst noch individuelle kompositorische Physiognomien und erkennbare Personalstile, an denen sich so etwas wie Entwicklung ablesen ließ. Nachdem es aber inzwischen möglich ist, dass ein und der selbe Komponist Stücke schreibt, die nach Klang, Form und Material keinerlei Gemeinsamkeiten haben, scheint es buchstäblich nichts mehr zu geben, an das man sich halten kann. Der ehedem so zielgerichtet fließende Strom der musikalischen Entwicklung ist gleichsam in einen See gemündet, dessen Oberfläche sich als ein Nebeneinander verschiedenartigster Phänomene präsentiert: Es scheint, als seien Orientierung und verlässliche Kriterien jenseits individueller Geschmacksurteile kaum noch zu gewinnen.”
Dennoch möchte ich die “Collection 5” unbedingt empfehlen. Kann man hier bestellen. Meine Anspieltipps: Stephan Winkler mit “Gullinkambi” und Jens Joneleit mit “Le tout, le rien – IV un inerte rivage au delà de tout chant”.

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